Vom Schüler zum Lehrer

Hallihallohallöchen, da sind wir wieder! 🙂

Um einem Klischee aus Sicht der Deutschschüler über uns Deutsche zu entsprechen, zunächst erstmal ein Wetterbericht, denn das Wetter ist ihnen nach unser Gesprächsthema Nummer eins: Gerade genießen wir den sonnigen Samstag und es ist richtig warm. Doch in den letzten Wochen hat es sich enorm abgekühlt,  sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet.

sonnenuntergang

Ausblick aus unserem Küchenfenster auf die untergehende Sonne

Wir befürchteten erst schon einen viel zu frühen Wintereinbruch, da nun schon auf dem täglichen Fahrradschulweg Mütze und Handschuhe gebraucht werden. Aber das Wetter  entwickelt sich glücklicherweise tagsüber immer noch zu angenehmen sommerlichen Temperaturen.

Aber nun zu den wirklich interessanten Erlebnissen. Hinter uns liegt ein ereignisreicher Monat, begonnen mit der Heiligsprechung von Mutter Teresa, die wir uns via Liveübertragung aus Rom gemeinsam mit Tomi anschauten. Mutter Teresa gilt im ganzen Balkan als sehr angesehen und ist für viele ein Vorbild. Dies zeigt sich unter anderem  in dem „Streit“  zwischen Kosovo, Albanien und Mazedonien, indem jeder Staat Ansprüche auf den Titel „Heimatland“ erhebt.
Unter den zahlreichen Gottesdienstbesuchern der Heiligsprechung befanden sich auch viele Kosovaren, die wir anhand der blau-gelben Flagge erkannten. Interessanterweise weckte dies, obwohl wir noch nicht lange hier im Kosovo sind, schon ein gewisses Gefühl der Verbundenheit in uns.

An mehreren Tagen haben wir die Hauptstadt Prishtina etwas kennen gelernt, zum Beispiel während eines Spielzeugeinkaufs für die Nachmittagsbetreuung der Grundschule und einem  Treffen mit einer aus Deutschland  abgeschobenen Familie. Wir versuchen sie beim Ankommen im Kosovo zu unterstützen, indem wir sie zum Beispiel zum Schulministerium begleitet haben, um den Kindern den Wiedereinstieg in die Schule zu ermöglichen.

Aber nun genaueres zu unseren jeweiligen Einsatzstellen: Ich, Patricia, arbeite nun schon seit einem Monat in der Grundschule. Nach der täglichen Morgenmesse um 6:15, geht es dann 7:20 ab in die Grundschule, wo ich die Lehrer von der 1.- 4. Stunde im Unterricht begleite. Dazu gehören die Hausaufgabenkontrolle, das bunte Bemalen der Tafel, die Bedienung des CD-Players, das Vorsprechen englischen und deutschen Vokabulars, sowie die Hilfe bei Übungen. Im Musikunterricht begleite ich zudem  albanische Kinderlieder auf dem Keyboard.

kinderbetreuungAb 12:25 startet dann die Nachmittagsbetreuung von 18 Kindern. Sobald alle Kinder versammelt und alle Hände sauber sind, gibt es erst einmal Mittagessen. Nachdem  es die ersten Tage sehr chaotisch war, hat es sich mittlerweile gut eingespielt und wir Betreuer können sogar gemeinsam mit den Kindern essen. Danach geht es dann raus auf den Schulhof, wo sich die Kinder ein wenig austoben können. Bei schlechtem Wetter steht uns die Turnhalle für Sportspiele zur Verfügung. Ab 14:00 beginnt dann die Hausaufgabenzeit.  Während dieser Zeit unterstütze ich besonders 3 Schüler bei  ihren Matheaufgaben und übe mit ihnen gemeinsam das schriftliche Dividieren und Multiplizieren. Zudem fordern vor allem die  Erstklässler besonders viel Aufmerksamkeit, da sie nach jeder Aufgabe die Bestätigung der Richtigkeit ihrer Arbeit verlangen.
betreuung-baumAlle, die ihre Aufgaben beendetet haben, dürfen im „Dhoma e Activiteti“ puzzlen, mit den Autos durch die Gegend düsen oder Prinzessinnen ausmalen.   Nach spätestens zwei Stunden dürfen auch die letzten ihre Hausaufgaben einpacken, denn 16:00 heißt es: Schuhe anziehen und ab geht’s nach Hause. Wenn dann eine halbe Stunde später alle Kinder abgeholt sind, räumen Ilir und ich auf und bereiten eventuelle Bastelangebote für den nächsten Tag vor. Circa 17:00 geht es dann mit dem Fahrrad auch für mich nach Hause, von wo aus Evi und ich anschließend unsere Joggingtour starten.

Eva: Meine Tage gestalten sich momentan bis zum Joggen noch recht individuell, da sich mein Einsatzbereich seit den letzten Wochen noch immer neu weiterentwickelt.
Zumindest der regelmäßige Deutschunterricht verleiht dem Ganzen eine erste Struktur. Die einzelnen Stunden sind je nach Lehrer und je nach Klasse sehr unterschiedlich, aber allesamt lehrreich. So gibt es zum Beispiel Kurse, mit denen ich eine Art Diskussionsrunde führe, in der das Formulieren von Vor- und Nachteilen während eines freien Gesprächs im Vordergrund steht und zwar zu anspruchsvollen Themen wie Klimawandel oder Multikulturalismus. Mit einem anderen Kurs lerne ich hingegen gemeinsam neue Vokabeln, die wir uns dann gegenseitig abfragen und über die wir  dann später Tests schreiben. Oder die Schüler erhalten den Auftrag Präsentationen zu halten, bei deren Vorbereitung ich ihnen dann bei Fragen zur Vortragsweise zur Seite stehe.
Für mich ist es sehr interessant den Unterricht, so kurz nachdem ich selber noch Schülerin war, jetzt aus der Perspektive der Lehrer zu betrachten. Die guten Absichten, die hinter den vielen Aufgaben stehen, die die Lehrer verteilen und unter denen ich noch bis vor kurzem selbst gelitten habe, kann ich so aus heutiger Sicht tatsächlich gut nachvollziehen!

Neben meiner halben Stelle als Sprach-Assistentin habe ich bisher zwar noch nicht ganz mit dem Angebot für die Internatsschüler begonnen, stattdessen bin ich jetzt aber in das neu entstehende Roma-Projekt eingestiegen. Paddi  ist aufgrund ihrer Vollzeitstelle in der Grundschule zwar nur mit einem kleineren Teil dabei, aber dabei!
Passend zum Projekt hat uns folgendes Zitat von Mutter Teresa begleitet: „Kennst du die Armen deiner Stadt?“
Vorbereitend auf die Arbeit haben wir eine Recherche zur Situation der Roma in Europa und speziell im Kosovo gemacht und uns außerdem mit der allgemeinen sozialen Lage hier vor Ort befasst. Wer Interesse an den Fakten und Zahlen hat, die wir zusammengetragen haben, kann sich diese unter der Rubrik „Kosovo“  gerne anschauen.
Parallel zu dieser theoretischen Lektion haben wir bereits  Menschen in den ärmsten Vierteln hier in Prizren persönlich besucht. Es gibt hier mehrere einzelne isolierte Roma-Viertel. Zusätzlich gibt es auch Viertel, in denen Kosovaren unter vergleichbar schlechten Bedingungen leben. Um zunächst das Einsatzgebiet für den Beginn unseres Projekts zu begrenzen, haben wir den Fokus auf ein Roma-Viertel relativ direkt in der Nachbarschaft gelegt, auf Tranzit. Bis zu diesem Wochenende hat sich das Projekt folgendermaßen entwickelt: Seit Mitte des Jahres hat Moritz begonnen Kontakt zu den Familien in Tranzit aufzunehmen, indem er zunächst alleine, dann von Tomi begleitet und schließlich mit mir und Schülergruppen von 6 bis 10 Personen gemeinsam, einfach für einen Besuch vorbeigegangen ist. begrusung-roma-2 Während dieser Begegnungen ist es für mich sehr besonders gewesen zu sehen und zu erleben, wie schnell das Vertrauen der Roma-Kinder uns gegenüber gewachsen ist. Dies zeigt sich am deutlichsten in den festen Umarmungen, die bei jeder Begrüßung und jedem Abschied mehrere Minuten in Anspruch nehmen.verabschiedug-roma

Um aus den einfachen Besuchen nun ein Projekt zu gestalten, haben wir mit den Schülern des Gymnasiums gemeinsam Inhalte geplant. Dafür haben sich unter den Schülern bisher drei verschiedene Gruppen gebildet: Eine Schul-Gruppe und zwei Kreativ-Gruppen. Jede der Gruppen wird in Zukunft einmal wöchentlich für eine Stunde mit einem vorbereiteten Programm nach Tranzit gehen und dieses mit den Roma-Kindern durchführen. In der ersten Projektwoche sah das dann so aus: Die Schul-Gruppe hat eine beispielhafte Schulstunde mit den Kindern zusammen nachgespielt, um ihnen ein erstes Gefühl von Unterricht zu vermitteln, da kaum einer von ihnen in die Schule geht. In dieser Zeit wurde begonnen das Alphabet zu lernen. Die erste Kreativ-Gruppe hat mit den Kindern gemeinsam den Rhythmus des Cup-Songs gelernt. Am dritten Einsatztag hat die zweite Kreativ-Gruppe mit ihnen den Chocolate-Tanz einstudiert. Der Großteil der Roma-Kinder war bis jetzt in jeder Stunde mit Begeisterung dabei und sie haben mit Freude gelernt, selbst wenn es zwischendurch um sie herum durch andere Viertelbewohner etwas unruhig wurde.

roma-schule

Das vorläufige Klassenzimmer

Während all dieser ‚Lernstunden‘ diente ein großer Teppich, der auf einer Wiese vor einer der Hausreihen liegt, als Klassenzimmer. Für die nächsten Wochen ist geplant, dass wir einen richtigen Raum in Tranzit beziehen, um die Kinder dorthin einladen zu können. Das Programm wird sich also nun in der nächsten Zeit weiterentwickeln und wir sind sehr gespannt darauf!

 

ella

Unsere kleine Ella

Im September sind wir außerdem für eine Woche zu Pflegemamas geworden, weil wir ein verwaistes Katzenbaby aufgenommen haben. Die Anwesenheit der kleinen Ella sprach sich im Internat sehr schnell rum, so dass wir nicht die Einzigen  waren, die für sie Pastete aus der Internatsküche schnorrten.  So bekamen wir durch Ella mehr Kontakt zu den Internatsschülern, in erster Linie natürlich zu den Katzenfreunden. Da Ella aber nicht auf Dauer hier bleiben konnte, sind wir sehr froh, Adoptiveltern in der Nachbarschaft gefunden zu haben.

Zwar haben wir durch Ella eine neue Freundin im kosovarischen Tierreich gewonnen, haben aber bedauerlicherweise unsere Freundschaft mit den drei Hunden vom Joggen zeitweile auf Eis legen müssen. Der Grund dafür ist, dass sie ihrem Wachinstinkt folgend unsere Distanzzone nicht mehr ausreichend respektiert haben.

Neben unserem tierischen Freundeskreis gibt es auch Neuigkeiten auf der menschlichen Seite. Wir haben mittlerweile drei weitere, sehr aufgeschlossene, deutsche Freiwillige kennen gelernt, die ebenfalls hier auf dem Balkan tätig sind. Nora, als Volontärin in Gjakova (Kosovo), Finn in Skopje (Mazedonien) und Helene in Ulcinj  (Montenegro).  Wir alle arbeiten irgendwie mit Kindern und Jugendlichen und freuen uns über die Möglichkeit zum Austausch und zum gegenseitigen Besuchen.

vorhochzeitAußerdem haben wir beide unter unseren Kollegen weitere Bekanntenkreise aufgebaut, was für mich, Patricia, sogar zur ersten Einladung zu eine Vorfeier einer Hochzeit führte.  Gefüllt mit kosovarischem Kreistanz und leckerem Essen gab mir diese einen schönen Einblick in einen Teil der kosovarischen Kultur. Bei dieser Feier waren traditionell viele aufgestylte Frauen eingeladen, um gemeinsam die Braut zu feiern.  Auch ich bekam durch Hilfe einer Kollegin ein anlassangemessenes Outfit, mit Kleid und ausreichend Make-Up.

Im letzten Monat hatten wir außerdem die Gelegenheit,  während der einen schulfreien Woche (Bajramferien), einen Kurztrip durch Albanien zu machen und dabei viele Menschen und Städte kennen zu lernen. Ohne Kompass und ohne Karte erkundeten wir Stadt und Land. Wir starteten in der Hauptstadt Tirana. Von dort ging es mit Bus und anderen Mitfahrgelegenheiten über Vlora nach Berati, dann weiter nach Bogova, Corovoda, Lushnja, Elbasani, dann wieder zurück nach Tirana und nach Hause. Unsere Route hangelte sich spontan von einer Ordensgemeinschaft zur nächsten. Denn wir bekamen gleich zu Beginn der Reise ein Heft mit Kontakten aller albanischen Orden, welche uns dann als Wegweiser dienten. Die Ordensleute nahmen uns sehr gastfreundlich auf und empfahlen oder zeigten uns die sehenswerten Orte ihrer Städte. So sahen wir zum Beispiel in Vlora die herrliche Küste und wir berührten das Meer, in Berati bekamen wir das wunderschöne Nachtpanorama gezeigt und eine Wegbeschreibung zu einem wunderschönen Wasserfall mitten in den Bergen.

wasserfall-albanien

Neben der herrlichen Landschaft kamen wir auch mit einigen Menschen in Kontakt. Oft liefen die Konversationen tatsächlich schon auf Albanisch! Auch wenn von unserer Seite bei längeren Gesprächen zwischenzeitlich nur noch „mirë“ (gut), „shumë mirë“ (sehr gut) und „po“ (ja) als Dialogbeiträge kamen.

Wir hoffen diese Wörter bald schon mit vielen neuen und vor allem abwechslungsreicheren Wörtern ersetzen zu können und freuen uns auf die kommenden Wochen!
Ein Highlight im Oktober wird vor allem der Besuch einer Schülergruppe aus Hamburg werden, welchen wir zum Teil mitgestalten dürfen. Und falls uns doch mal zwischendurch langweilig werden sollte, wartet ein großer Stapel Noten darauf, abgetippt zu werden.

TUNG und bis bald! 🙂

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Ein Gedanke zu “Vom Schüler zum Lehrer

  1. Friederike Kreft schreibt:

    Liebe Eva, auch wenn dein Flyer immer neben dem PC lag und mich anlachte, habe ich erst heute all eure Beiträge in einem Rutsch gelesen. Herzlichen Glückwunsch zu deinem/eurem gelungenen Neuanfang im Kosovo. Die Freude am sprachfester werden und im begleiten eurer Schützlinge ist deutlich herauszuhören und steckt an und ich bin weiter neugierig. Weiterhin Mut und gutes Miteinander beim Lehren, Lernen, Singen, Joggen und was noch so auf euch wartet!! Mit lieben Grüßen aus dem auch kühlen Sauerland, deine Friederike

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