Alles ist gut, solange du wild bist!

Der Oktober 2016 war, was wir nicht zwingend erwartet hätten, auch hier im Kosovo, durch zwei Feste eingerahmt – Tag der deutschen Einheit und Halloween.

Fangen wir vorne an: Am 3. Oktober lernten wir die drei deutschen Freiwilligen Katja, Cäcilia und Karina kennen, die für ein Jahr in Mitrovica leben und arbeiten. Sie waren anlässlich des Programms der deutschen KFOR nach Prizren gekommen – Sentimental-touristischer Tränensack! Wer nicht weiß wer oder was die KFOR ist, hier eine Kurzbeschreibung: die KFOR ist das ausländische Militär hier im Kosovo, welches nach dem Krieg den Abzug der jugoslawischen Truppen und die Entmilitarisierung des Kosovos überwachen sollte und bis heute im Kosovo anwesend ist, mittlerweile aber langsam abrüstet. Unter den 5000 Soldaten und Soldatinnen sind etwa 600 Deutsche, die ihren Hauptsitz in Prizren haben. 20161003_193835Anlässlich des deutschen Nationalfeiertags gab es in der Innenstadt Auftritte verschiedener Kinderchöre und ein Konzert der deutschen Militärkapelle, die extra dafür angereist war.
Den krönenden Abschluss bildete ein Feuerwerk über der Stadtburg. In Deutschland war der 3. Oktober für uns immer nur ein schulfreier Tag, der gute Laune verbreitet hat, deshalb waren wir fasziniert, dass wir ihn ausgerechnet während unseres Auslandsjahrs das erste Mal richtig feierten.

Und dann folgte, der bereits angekündigte Hamburgaustausch – Extra-touristische Tellergans! In der Woche übernahmen wir die Vertretung der Klassen unserer im Austausch involvierten Deutschlehrer. Zu Beginn, war es etwas seltsam, ganz alleine vor den Klassen zu stehen, doch wir hatten ja eine Woche Zeit uns daran zu gewöhnen und wir machen es zukünftig auch gerne wieder.
Zudem durfte ich, Patricia, den deutschen Austauschschülern die Grundschule vorstellen. Außerdem bot der Hamburgaustausch auch eine perfekte Gelegenheit, Albiona wiederzusehen.albiona Albiona lernte ich auf der Suche nach einem albanischen Sprachlehrer in Deutschland kennen. Doch nach nur wenigen Treffen wurde ihre Familie abgeschoben, so dass wir uns riesig auf unser Wiedersehen im Kosovo gefreut haben. Refugjata (Schutzsuchende)- Das war auch das Thema der Hamburgwoche, so dass Albiona als Gast in das Loyola Gymnasium eingeladen wurde, um von ihren Erlebnissen zu erzählen. Uns ermöglichten die persönlichen Berichte von Albiona und einigen unserer Kollegen, die ebenfalls in enorm schwierigen und problematischen Lebenssituationen leben, Einblicke in die junge Geschichte der Kosovoraren, die noch so stark vom Krieg und dessen Folgen geprägt ist.

Doch die Hamburger waren nicht unsere einzigen Gäste. Für eine Woche kam der Berliner Christian Herwartz zu Besuch. Von Christian konnten wir viel für den Umgang mit unseren Mitmenschen lernen. Beispielsweise hat er uns in das Viertel Tranzit  begleitet und anschließend uns und unseren Schülern Ratschläge für die Begegnung mit den Kindern gegeben. Außerdem haben wir die Chance genutzt, uns während Straßenexerzitien von ihm begleiten zu lassen, denn Christian Herwartz hat diese erfunden – Heiliger Muckefuck! Straßenexerzitien bedeuten grob gesagt, im Alltag auf der Straße Gottes Spuren zu entdecken und zwar indem man seine Aufmerksamkeit für seine Umgebung schärft.
Wenn ihr mehr über Christian Herwartz und sein sehr beeindruckendes Leben erfahren wollt, fragt einfach Google.

In unserem Alltag beginnt jeder Tage immer noch mit der Morgenmesse um 6:15 in unserer schönen Kapelle. Neuerdings haben wir uns in den Liturgieplan einteilen lassen, was bedeutet, dass wir nun alle fünf Wochen für eine Woche für einen kurzen Impuls und musikalische Begleitung zuständig sind.
Patricia: Meine Arbeit in der Grundschule ist auch nach 2 Monaten alles andere als langweilig. Im Musikunterricht lerne ich gerade die Albanische Nationalhymne und trällere fleißig ein paar Kinderlieder mit. Und im Deutsch- und Englischunterricht nehme ich jetzt schon regelmäßig den Rotstift in die Hand, um Hausaufgaben oder Tests zu kontrollieren. Zum Glück gibt sich ein Großteil der Kinder sehr viel Mühe, so dass das Abhaken der Aufgaben oft einer Fließbandarbeit gleicht. Für hervorragende Leistungen gibt es natürlich auch Stempel in verschiedensten Variationen, so dass sich sogar das Korrigieren der Aufgaben sehr abwechslungsreich gestaltet. gebasteltesIn der Nachmittagsbetreuung wird fleißig gespielt, gebastelt, gepuzzelt, gebaut, gemalt und natürlich mehr oder weniger motiviert Hausaufgaben gemacht. Mittlerweise bin ich der Meister der Kopfrechenaufgaben. Freitags ist nach den Hausaufgaben zur Entspannung aller immer Kino angesagt. Gerade fiebern wir mit Nemo mit, ob er Dory, die von den Menschen gefangen gehalten wird, finden kann – Südbrasilianische Meerschweinchenpisse! Die Suchaktion wird leider immer dramatischer, weil Dory gemeinsam mit einem Tintenfisch die Flucht wagt und sich nun mitten im Zoo in  einer Trinkflasche in einem Kinderwagen befindet und kein Ausweg in Sicht ist. Wenn ihr auch unseren nächsten Blogeintrag lest, werdet ihr darin erfahren, ob Dory noch aus dieser heiklen Situation gerettet werden konnte.
Auch wenn es manchmal noch etwas chaotisch und laut zu geht, sind wir als Gruppe sehr gut zusammengewachsen und  verbringen eine sehr schöne Zeit miteinander.

Eva: Im letzten Monat habe ich viel Zeit in Tranzit verbracht. Die Entwicklung unserer Stunden dort ist vor allem durch die Einweihung von „unserem Raum“ geprägt gewesen. Dieser ist extra frisch renoviert worden. Er hat eine große Fensterfront durch die man direkt auf die Straße blicken kann, welche durch das Wohnviertel führt – beim Santa Panther im Raubkatzenhimmel! Tranzit lässt sich insgesamt in drei Hauptteile unterteilen. In dem mittleren befindet sich unser Raum. Die Ashkali (*ich habe jetzt erst verstanden, dass ich sie fälschlicherweise als Roma bezeichnet habe…), bei denen wir mit unseren ersten Stunden begonnen haben, wohnen in einem der äußeren. Nun hat die Lage des Raums dafür gesorgt, dass die Gruppe der Kinder, mit denen wir uns regelmäßig treffen, Zuwachs aus neuen Kreisen bekommen hat: Albaner und Ashkali.
Zum Einstieg für das Sozial-Projekt, haben wir mit allen beteiligten Schülern zusammen eine Generalversammlung gehabt, in der wir die Grundstrukturen besprochen haben. Daraufhin hat sich unser Programm so entwickelt, dass jetzt täglich eine Schülergruppe vor Ort in unserem Raum eine Stunde lang ein Angebot für die Kinder macht. In diese Zeit ist jedes Mal ein schulischer Teil integriert. Passend dazu haben wir unseren Raum eingerichtet, sodass er heute wie eine richtige Klasse aussieht- mit Tafel, Tischen und Stühlen.klasse Die Kinder sind für den Unterricht in Klassen eingeteilt und unsere Loyola-Schüler übernehmen mit Ehrgeiz die Rolle der Lehrer. Die Lektionen umfassen bisher unter anderem das albanische, deutsche und englische Alphabet, neue deutsche und englische Wörter (zum Beispiel Körperteile, die mit einem Liedchen gelernt werden „head, shoulders, knees and toes, knees and toes…“) und Geschichten hören beziehungsweise selber schreiben.

pinguintanz

Der Pinguin-Tanz

In den kreativen Teilen werden dann nicht nur Lieder gesungen, sondern auch zu Liedern getanzt (der Pinguin-Tanz ist mein Favorit) oder im Rahmen eines Do-It-Yourselfs verschiedenste Blumen gebastelt.
Außerhalb des Unterrichts haben wir (dieses Mal handelt es sich dabei um Paddi, Moritz und mich) an einem sehr schönen sonnigen Sonntag eine Wanderung gemeinsam mit vier Ashkali-Kindern in den nahen Bergen gemacht. Es war für uns eine große Freude zu sehen, wie begeistert sie waren und dass wir ihnen damit eine sehr besondere Erfahrung schenken konnten.wanderung

 

Auch wenn es viel Arbeit gibt, haben wir uns von ihr noch nicht auffressen lassen, sondern haben uns als schönen Ausgleich dazu, mehr oder weniger nützlich, in Schul-AGs eingebracht. Der erste gemeinsame Versuch bestand darin, sich musikalisch in der Schulband zu integrieren. Paddi mit dem Klavier und Eva mit der Flöte. Paddi hat sich mit dem Pianisten durch die Akkorde gekämpft und gemeinsam haben sie entschieden den Lautstärkeregler etwas leiser zu drehen. Auch Eva war aufgrund der leisen Flöte nicht die leitende Melodiestimme, was aber auch bei Liedern wie „Zombie“ oder „Californication“ eine Herausforderung darstellte, der sie nicht gewachsen war – Hippopotamusbullenpropellerschwanzmist! Stattdessen toben wir uns jetzt an unseren Instrumenten bei Proben mit dem Kinderkirchenchor in Prizren aus, den wir gemeinsam mit einer Ordensschwester leiten.

Ein weiterer, bis jetzt erfolgreicherer Versuch, sich in das Schulleben einzubringen, ist die Teilnahme an der Volleyball-AG.
Wo wir gerade beim Sport sind: Leider mussten wir per Livestream lesen, wie die Kosovaren eine relativ eindeutige Niederlage gegen Kroatien einsteckten. Paddi kostete das 6 Tafeln Schokolade an ihren Bruder, pro Gegentor eine Tafel… – Schlotterbein und Tarzanschrei!
Trotz einer weiteren Niederlage gegen die Ukraine hoffen wir auf zukünftige Siege  für den Kosovo und stehen felsenfest hinter unseren Jungs!

Doch wer viel Sport macht, muss natürlich auch viel Essen. Und da gibt es für uns zum Glück genug– Igitt! Kotz! Und Bäh! Neben dem guten Mensaessen (alle zwei Wochen gibt es sonntags immer Kiffle, unglaublich leckere Schoko-, Marmeladen-, oder Mohnhörnchen), sind wir sogar in Eigenproduktion gegangen. Dazu gehörten traditioneller Fli, traditionelle Trileçe und ein deutscher Käsekuchen – Bombastisch-touristischer Bärenbauchspeck! Den Fli haben wir gemeinsam mit zwei kosovarischen Mädchen bei einer sehr gastfreundlichen Familie gebacken, welche wir während unseren Straßenexerzitien kennenlernten. Fli ist einfach gesagt ein Stapel Crêpes. Die Zubereitung, also die Teigschichtung, erfolgt über einem Feuer und kann bis zu vier Stunden dauern. Die  Backgemeinschaft bot eine tolle Gelegenheit, sich gegenseitig kennen zu lernen, zu quatschen, zu lachen und zu tanzen.
Trileçe ist in den letzten Monaten bei zahlreichen Cafébesuchen zu unserem Lieblingskuchen geworden. Das Besondere daran ist, dass der Teig in Milch getränkt ist und eine dicke Karamellschicht den Kuchen glasiert.  Als Geburtstagskuchen haben wir ihn das erste Mal selbst gebacken und dann auch selbst aufgegessen, da der Kuchen unmöglich nach Deutschland zu dem Geburtstagskind transportiert werden konnten.
kasegeburtstagskuchenAuch der Käsekuchen war ein Geburtstagsgeschenk, diesmal für Opi Schwarzbach, der die Loyola Schule (und uns!) zum Arbeiten regelmäßig besucht und sonst in München lebt. Auf den Käsekuchen sind wir besonders stolz, da wir entgegen des Vorurteils, Quark gäbe es im Kosovo nicht, 1000g als Grundzutat gefunden haben.
Geendet hat der Monat dann nicht nur mit dem Käsekuchen, sondern gleichzeitig mit Halloween. Die Vertreibung der bösen Geister wurde im Gymnasium mit einer Schülerparty mit großartigem Bandeinsatz (ohne uns, aber wirklich gut) und aufwendigen Verkleidungen gefeiert. band-halloweenPaddi betreute währenddessen die Grundschulkinder in der Nachmittagsbetreuung. Dort wurde dieses Fest von der Schulleitung kritisch gesehen und deswegen verboten. Am Abend haben wir beide aber gemeinsam mit ein paar Schülern und einigen Kindern in Tranzit  mit Kinderschminke und Gruselgeschichten gefeiert – Hottentottenalptraumnacht!
Ähnliche gruselige Geschichten haben wir uns während des letzten Monats an entspannten Abenden angeschaut. Gestern haben wir die Reihe mit dem 5. Teil der „Wilden Kerle“ abgeschlossen, der ein oder andere hat vielleicht schon die Auswirkungen dessen bemerkt – Kackeverdammte!

Jetzt freuen wir uns erstmal auf den ersten Schneemann, die Bergspitzen sind schon immer wieder mal weiß. Auch kälte- und erkältungsmäßig spüren wir schon den nahenden Winter.
erster-schnee

Bis zum nächsten Monat,
1,2,3, Raaaaaaaaawww!

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2 Gedanken zu “Alles ist gut, solange du wild bist!

  1. Immanuel Berger schreibt:

    Super, wieder ein sehr schön zu lesender Bericht!
    So abwechslungsreich und so dicht ist euer Wirken dort, das ist nach nur drei Monaten beachtlich! 🙂
    Es freut zu lesen, dass sie in der Grundschule so fleißig sind und dass das Projekt des Gymnasiums für die ärmeren Kinder so erfolgreich angelaufen ist und es jeden Tag ein Angebot von Schülern gibt – Respekt! Ihr macht eine großartige soziale Arbeit.
    Beim Lesen kam mir am Ende kurz, ob der fünfte erwähnte Wilde-Kerle-Film in Verbindung mit den Kinoabenden an der Grundschule steht, das würde ja gar kein gutes Licht auf die deutsche Kultur werfen 😛 Aber ich nehme an, es geht um euer eigenes Freizeitprogramm… 😉 – Sind die eingestreuten Kommentare wirklich aus diesen Wilde-Kerle-Filmen? 😀
    Macht’s weiter gut 🙂

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