Freiheitliche Grüße

Oh Gott, wir wissen immer noch nicht, ob sich Dory und Nemo wiedergefunden haben und werden es auch so schnell nicht erfahren, denn in der spannenden Schlussszene, in der Dory um ihre Freiheit kämpft, war die Nachmittagsbetreuung vorbei. Und da sich leider kein Kind für das Ende der dramatischen Suche zu interessieren schien, startete der nächste wöchentliche Filmnachmittag dann mit „PETS“.

Freiheit… das ist ein Thema, das uns in diesem Monat besonders beschäftigt hat.

Zu Beginn des Monats stießen wir auf folgendes Bild: karte-gemalt

Es stellt dar, was uns in vielen Gesprächen vermittelt wird:  Viele Kosovaren fühlen sich in ihrem Land eingesperrt. Ohne ein sehr teures und kompliziert zu beantragendes Visum ist es ihnen nicht erlaubt, ihr Land in mehr als 4 Länder zu verlassen.  Für uns mit unserem deutschen Pass unvorstellbar. Allein in den letzten Sommerferien haben wir beide zusammen 6 verschiedene Länder bereist.
Doch wie viel Freiheit steckt in der Reisefreiheit?
Aufgrund dieser Konfrontation sind wir viel dankbarer dafür geworden, dass wir die Möglichkeit haben zu Reisen, weil es uns persönlich frei macht und viele Erfahrungen schenkt. Doch neben der Dankbarkeit  fühlt es sich auch merkwürdig an, dann den Leuten hier von unseren vielen Reisen zu berichten.
Bezüglich Reisen hat uns Nora (die deutsche Freiwillige in Gjakova) die Idee vom „Reisen mit einem Thema“ mitgegeben.  Sie persönlich war 3 Monate mit dem Thema „Was bedeutet Freiheit?“ in Rumänien und ist dadurch den Menschen auf einer ganz anderen Ebene begegnet, als im normalen Smalltalk.

So schwierig es auch ist, aus dem Kosovo rauszukommen, gefühlt genauso so aufwendig war es für uns, für ein Jahr legal hier bleiben zu dürfen. Nach einer Anstehzeit von circa 10 Stunden und einer Fahrzeit von insgesamt um die 8 Stunden von Behörde zu Behörde haben wir nun endlich unsere ID-Card und sind offiziell im Kosovo registriert.

Aber nochmal zu dem Wunsch den Kosovo zu verlassen: von einer Person ist uns die Vision beschrieben worden, dass wenn die Menschen rechtlich die Möglichkeit hätten, den Kosovo langfristig zu verlassen, dieser sehr schnell leer wäre. Da ist für uns wieder die Frage aufgetreten, ob die Leute hier „gefangen“ sind. Und weiter die Frage, ob es tatsächlich eine Lösung mit mehr Perspektive für die Menschen wäre, wenn sie einfach auswandern würden. Müsste es nicht eigentlich möglich sein, das eigene Land so zu gestalten, dass die Einwohner gern hier sind?
Ein weiteres Zitat, das uns stutzen ließ, ist folgendes: „Der Himmel ist Deutschland und die Hölle ist Kosovo.“ So drückte sich die Mutter eines Grundschülers aus. Egal ob Arbeit, Lohn, Heizung oder Lebensmittelangebote, in Deutschland ist angeblich alles perfekt. Diese Vorstellung ist in allen Kreisen der Gesellschaft vertreten, in die wir Kontakte haben. Egal ob  Roma, Schüler, Eltern und Lehrer von Loyola oder Familien, die wir außerhalb der Schule kennenlernten.
Wie zum Beispiel die Familie von Albiona (siehe letzter Blogeintrag), die wir ein Wochenende in Skenderaj besuchten. Sie selbst musste den langwierigen Prozess  zwischen Aufenthaltsgenehmigung und Abschiebung mit Hoffen und Bangen durchleben. Obwohl sie schließlich von Deutschland abgeschoben wurde, träumt sie immer noch von einer Wiederausreise nach Deutschland.
Ein anderes Wochenende verbrachten wir bei einer Familie zu Hause,  die wir im Kosovo kennen gelernt haben und die selbst ein paar Jahre in Österreich gelebt hat. Anlässlich des ersten Advents haben wir gemeinsam Weihnachtsschmuck gebastelt, die Wohnung geschmückt und Weihnachtslieder mitgesungen. Die kalten Temperaturen draußen, der warme Ofen im Wohnzimmer und der heiße Tee brachten uns in vorweihnachtliche Stimmung.  Auch die Weihnachtslieder in der Kirche und die sehr bunte Beleuchtung an den Bäumen steigern die Vorfreude auf Weihnachten. Schließlich machte der erste Schnee am 28.11. die Weihnachtsstimmung perfekt.schmuck

Am selben Tag machten wir einen Ausflug nach Peja, damit Eva endlich das Bier in der namensgebenden Stadt trinken konnte. GЁZUAR! (Prost!)  Da ihr euch jetzt alle wundert, dass es sich bei dem Tag um einen Montag handelt, wir können euch beruhigen, wir haben nicht blau gemacht, sondern hatten offiziell zum Tag der albanischen Flagge schulfrei.kuq-e-zi Der Freiheitstag Albaniens zu seiner Unabhängigkeit war bis zur eigenen Unabhängigkeitserklärung 2008 von großer Bedeutung und gilt auch heute noch als staatlicher Feiertag. In beiden Schulen gab es anlässlich dieses Tages ein festliches Programm. Die Grundschulkinder sangen und tanzten nicht nur zu vielen albanisch- kosovarischen Liedern, sie trugen sogar teilweise traditionelle Kleidung und bastelten wunderschöne albanische Flaggen.

Auch am Gymnasium gab es ein buntes (schwarz & rot (Achtung Witz!!!)) Bühnenprogramm, welches sogar vom Fernsehen aufgenommen wurde (EVA IST IM KOSVOVARISCHEN FERNSEHEN!!!!!!).
Für uns stellte sich neben dem ganzen Feiern auch die Frage nach der Freiheit in der Unabhängigkeit. Auf der einen Seite ist der Kosovo nach langem Ringen endlich von Serbien unabhängig, doch gleichzeitig bekommen wir das Gefühl, dass viele Kosovaren lieber mit Albanien verbunden als alleine sein möchten, was zum Beispiel in einer sehr populären Hymne deutlich wird mit den Worten „Großes Albanien“, was einen Zusammenschluss zwischen Albanien und dem Kosovo beschreibt (https://www.youtube.com/watch?v=7s8pMXrNDtY).
picknickEin ganz anderer Aspekt der Freiheit war das Gefühl von Grenzenlosigkeit, was wir auch im letzten Monat in den Bergen rund um Prizren erlebten. Begleitet von Schülern aus dem Loyola- Gymnasium und aus Tranzit genossen wir ein paar Sonnenstunden und picknickten auf einer Wiese. Diese und weitere Freizeitgestaltungen, unter anderem auch ein Fußballspiel, halfen uns die Beziehungen zu ihnen weiter wachsen zu lassen.

Apropos Tranzit, hier hat sich viel bewegt: Das regelmäßige Angebot besteht jetzt aus morgendlichem Musikunterricht, dem Programm mit den Loyola-Schülern um 15 Uhr und an drei Abenden gibt es gesonderten Deutschunterricht. Außerdem gibt es einmal in der Woche einen Mädelsabend und einen Jungsabend, sowie eine wechselnde Aktion am Sonntag.
Für den Musikunterricht haben wir einen jungen Musiker aus einem Roma-Viertel aus der Stadt eingestellt, der mit circa 20 Kindern durch Singen Noten lernt und Einzelnen Instrumentalunterricht gibt.
Für die engagierten Loyola-Schüler und eine Hand voll Ashkali, die sich während der letzten Zeit als Verantwortungsträger und somit ebenfalls als Mitarbeiter im Projekt entwickelt haben, fand Mitte des Monats ein Workshop statt. Für diese zwei Tage stellten wir ein Küchen-Team mit 6 Mädels aus Tranzit zusammen. Da haben wir im Bereich Küche zum Beispiel gelernt, dass angebrannter Reis einfach niemandem schmeckt. Allerdings ist verwunderlicher Weise auch Kuchen nicht der größte Renner gewesen… Aber darüber hinaus haben wir eine gute Beziehung zu den Mädels beim Arbeiten und auch bei den Pausen aufgebaut und haben im Essensraum eine schöne Atmosphäre entstehen lassen, die auch auf die Workshop-Teilnehmer gewirkt hat, sodass diese sich in ihren Pausen in großer Zahl dort versammelt haben. Inhaltlich gab es Input für die Arbeit mit und für Kinder und die Tage boten Raum und Zeit, um aktuelle Schwierigkeiten zu diskutieren und nächste Schritte zu planen. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir mehr als einen Raum für das Nachmittagsprogramm nutzen wollen. Aber dieser und andere Punkte werden erst ab nächster Woche in Angriff genommen, sodass im nächsten Blogeintrag ein Bericht dazu erfolgt.

Denn diesen Monat stand noch etwas anderes im Mittelpunkt: letzten Freitag haben wir ein großes Fest veranstaltet.  Dieses diente zur Präsentation dessen, was in der letzten Zeit im Rahmen des Projektes entstanden ist. So konnten viele Eltern aus Tranzit, die Eltern der Schüler, die Mitschüler und Lehrer vom Loyola und andere Leute mit Bezug zum Projekt während eines einstündigen Bühnenprogramms bestaunen, was gemeinsam gelernt wurde. Bei dem Fest trug zudem die ‚elijah-band‘ aus Rumänien zu einem sehr großen Teil bei. Bei der Gruppe handelt es sich um 8 Roma-Musiker, die durch elijah, ein Romaprojekt, zusammengekommen sind (weitere Informationen bei Interesse unter www.elijah.ro), und die in den drei Tagen vor dem Fest intensiv musikalisch mit den Tranzitlern und der Schulband zusammen gearbeitet haben. So entstand aus der Zusammenarbeit ein super Programm mit viel Musik und ebenfalls den gelernten Tänzen, wie der Chocolate-Tanz.

Die Energie der Beziehungen, die in diesen Tagen entstanden sind, hat auf beiden Seiten den Wunsch nach weiterer Zusammenarbeit geweckt, sodass wir hoffen, die Band recht bald wiederzutreffen. Somit war das Fest der Auslöser dafür, dass die Grenze nach Rumänien für unser Projekt ein stückweit geöffnet wurde. Eine weitere, viel nähere Grenze, die mit dem Fest überwunden wurde ist die zwischen Tranzit und Loyola. Denn die Bühne war hier in der Aula des Gymnasiums und so waren die Türen der Schule das erste Mal auch für die Leute aus Tranzit geöffnet. Am Abend folgte dann noch eine ausgelassene After-Show-Party in unserem Raum in Tranzit.
Weitere Brücken zwischen Schule und Tranzit bilden außerdem die Mädels- bzw. Jungsabende, bei denen wir Mädels hier gemeinsam gekocht und Musik gemacht haben, während die Jungs sich zum Fußballspielen getroffen haben. An sich sollen diese Treffen die Möglichkeit geben mehr engere Beziehungen zwischen Schülern des Gymnasiums und Tranzitlern entstehen zu lassen, um so die unsichtbaren gesellschaftlichen Grenzen zu überschreiten.


Die Entwicklung des Deutschunterrichts in Tranzit sieht in Kurzfassung so aus: nach einer Intensiv-Woche mit täglichem Unterricht mit Kilian, einem ehemaligen Jesuit Volunteer, der bei uns zu Besuch war, existiert jetzt eine ordentliche Deutschklasse. Diese wird nun gemeinsam von Tomi und Dadan, einem der Viertelbewohner, der aufgrund eines 2-jährigen Aufenthalts in Deutschland sehr gute Sprachkenntnisse besitzt, unterrichtet.

In der Grundschule wird weiterhin fleißig gelernt und Vokabeln gepaukt. Obwohl Englisch und Deutsch für die dritte Klasse beides ganz neue Fremdsprachen sind, können die Schüler bereits sich und ihre Familie vorstellen, Rechenaufgaben bis 20 lösen, in Deutsch Fußball, Tischtennis, Würfeln oder Kartenspielen, in Englisch Schulsachen beschreiben und in beiden Sprachen viele lustige Lieder singen. Vergangenen Monat stand ich, Patricia,  zum ersten Mal auch als Englisch- Lehrerin allein vor der Klasse, was für mich als Englischniete im Gymnasium schon etwas seltsam, aber durch viele Spiele und gute Mitarbeit der Schüler auch eine sehr schöne Erfahrung war.  Die  Nachmittagsbetreuung ist  immer mehr mit Hausaufgaben gefüllt. Im November hatte ich oft die Gelegenheit individuell auf langsam lernende Schüler einzugehen und mit ihnen gemeinsam die Hausaufgaben zu erarbeiten. Und wenn uns nach all dem Büffeln der Kopf nur noch so dampfte, gab uns unter anderem der Macarena Tanz die perfekte Gelegenheit auch mal durchzuatmen. In naher Zukunft werden wir vermutlich einen dritten Erzieher in der Nachmittagsbetreuung begrüßen dürfen, Gründe hierfür sind unter anderem die große Anzahl der Kinder (20) und der Wunsch nach noch mehr Förderung der Kinder bei den Hausaufgaben. Ich bin sehr gespannt, was sich wie verändern wird und hoffe auf eine sehr gute Zusammenarbeit. Zudem wollen wir in den nächsten Wochen mit den Kindern unseren eigenen Weihnachtsbaum schmücken und die weihnachtliche Stimmung genießen. Außerdem warten noch unzählige Plastikdeckel und Klopapierrollen darauf, an hausaufgabenfreien Bastelnachmittagen verarbeitet zu werden.

Auch wir sind wieder dabei, mit Lehrer unsere Sprachkenntnisse zu verbessern. Ab Ende November besuchen wir zweimal wöchentlich eine Sprachschule in der Stadt.

img-20161106-wa0004Der kalte November bringt aber auch ein paar traurige Nachrichten mit sich. Auf der Suche nach Futter kommen immer mehr Hunde und Katzen in die Stadt und werden dort leider oft von Autos überfahren. Auch vor unserer Tür starb der kleine weiße Bobo, welchen wir bis dahin häufiger auf dem Nachbargelände trafen.  Aber wir wurden nicht nur mit dem Tod von Tieren konfrontiert, sondern bekamen von unseren Bekannten auch von mehreren Todesfällen von deren Freunden und Verwandten mit.
Das Thema Tod hat uns so begleitet und vor Augen geführt, wie wertvoll jeder Tag unseres Lebens ist.
Somit freuen wir uns auf die Feier der Geburt von Jesus, den Beginn des Lebens, den wir am 24. Dezember in einer Mitternachtsmesse feiern werden.
Da wir uns erst im Januar wieder melden, wünschen wir euch bis dahin eine gesegnete Adventszeit, ein fröhliches Weihnachtsfest mit leckeren Plätzchen und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!!

Gëzuar Krishtlindje dhe gëzuar vitin e ri!

Und hier noch ein gratis Ohrwurm, den wir gern mit euch teilen möchten: https://www.youtube.com/watch?v=k2nr6KGoHO4

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