von Langeweile keine Spur

„…Tüt tüt, der Bus Richtung Zwischenseminar hupt schon, wir müssen los…“ (Ende des letzten Beitrags)

Über das statuenübersäte Skopje (mazedonische Hauptstadt) ging es bis nach Belgrad, wo unsere Reise beinahe zu Ende war – denn beim Packen haben wir die teureren Fahrtkosten der Fernbusse unterschätzt, da unsere Inlandsfahrten von Süden bis ganz in den Norden nicht mehr als 5 Euro kosten. Schließlich ging uns in Belgrad das Geld aus. Gott sei Dank verwandelte ein Mann unsere verbliebenen 5 Euro in 10 und ermöglichte uns so die Weiterfahrt in das schöne, abgelegene Dorf  Mali Idos. Dort konnten wir uns in Gemeinschaft der Freiwilligen miteinander austauschen, entspannen, reflektieren, visionieren und dabei merken, für wie viel wir in unserem Lebensumfeld im Kosovo dankbar sein können.

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Schließlich kehrten wir wohlbehalten zurück. Uns begleiteten  Hanna und Johannes, zwei Freiwillige aus Bosnien, die für eine Woche bei uns Urlaub machten. Nach den gemeinsamen Tagen in Serbien und im Kosovo haben wir sie am Bus nicht mehr nur als Mitfreiwillige, sondern als gute Freunde verabschiedet.

Besonders angetan waren Hanna und Johannes von Tranzit, von dem es, wie nicht anders zu erwarten, ganz viel Neues zu berichten gibt.

Letztes Mal haben wir von der großen Instrumentenspende geschrieben. Jetzt hat sich daraus eine Musikschule entwickelt. Der Stundenplan umfasst mehrere Gruppen in Gitarre, Querflöte, Schlagzeug, Piano und Chor. Hier ist es eine besondere Freude, dass wir die drei zusätzlichen Instrumentallehrer durch Berat (Chorleiter und Pianolehrer) für das Projekt gewonnen haben.

Zwischen den Musikstunden gibt es nach wie vor den Alphabetunterricht. Mit einigen Lehrern, also Loyola-Schülern, habe ich, Eva, gemeinsam mit den Jesuiten Tomi, Moritz und Stefan ein Schulungswochenende in Mitrovica verbracht. In einer sehr positiven Atmosphäre haben wir eine intensive Zeit gehabt, bei der es inhaltlich nicht nur um Unterrichtsmethodik ging, sondern auch um die kniffligen Fragen ‚was genau ist Loyola-Tranzit?‘ und ‚wer lernt eigentlich was und von wem?‘
Dass die Tranzitler lesen und schreiben lernen und die Loyola-Schüler lernen, Lehrer zu sein, sind nur zwei von vielen möglichen Antworten.
Ich persönlich habe hier in den letzten Monaten auch einen riesen Lernbereich gehabt, der mich besonders in dem Punkt Leitung zu übernehmen, aber den Engagierten die Verantwortung nicht wegzunehmen, sehr herausgefordert hat…
Aufgrund einer Konzentrierung auf die ABC-Klasse, haben wir das Alternativprogramm, das einige Schüler gemacht haben, abgesetzt und außerdem die Hauptverantwortung bei uns im Team neu vergeben, sodass Tomi sich dem nun annimmt.

Die Zeit als Sprachassistentin ist mit den DSD-Prüfungen (Deutschessprachdiplom) einiger meiner Schüler für mich zu Ende gegangen.

Meine neue Mission lautet: Kindergarten am Vormittag in Tranzit. Dafür habe ich eine Woche hospitiert und daraufhin ein Konzept für eine 4 stündige Kinderbetreuung entwickelt. Gemeinsam mit drei der jugendlichen Mitarbeiter aus Tranzit und einer Früherziehungs-Studentin arbeite ich nun zusammen und wir haben eine erstaunlich gute erste Woche hinter uns gebracht, in der wir wunderbarer Weise mit den Kleinkindern nicht nur Arbeit sondern auch Spaß gehabt haben!20170404-WA0004[1]
Ich selber hätte nicht gedacht, dass es mir persönlich eine so große Freude macht Kindergarten-Tante zu sein, aber mit der besonderen Aufgabe den Kindergarten von Grund auf zu organisieren und aufzubauen, hat sich in mir eine riesige Motivation breit gemacht und ich bin enorm glücklich über diese Arbeit. Was mich selber begeistert, ist, dass ich jetzt schon selbst in vielen Punkten entdecken kann, wie viel ich hier in der vergangenen Zeit schon gelernt habe, was ich jetzt schon zum Teil automatisch umsetzte! Da geht es von der Arbeit mit den Kindern auch dahin, dass ich einen besonderen Blick für meine Mitarbeiter habe und mich aber nicht überfordert damit sehe sie anzuleiten. Und ganz wichtig als Alternative zur Arbeitszeit, dass ich auch ziemlich klare Pausen habe beziehungsweise zumindest die Zeit sie mir nehmen zu können. Das fällt mir durch den Zeitplan, der jetzt wieder ähnlicher dem aus meiner Schulzeit ist (morgens Arbeit, ab Nachmittag flexibel), sehr viel leichter.

Auch in meiner, Patricia’s, Arbeitsstelle hat sich viel getan. Besonders aufgrund meines Wunschs nach „Mitleben“ bin ich seit Anfang des Jahres nicht mehr mit im Grundschulenglischunterricht dabei, sondern besuche nun an 2 Vormittagen der Woche Familien in Tranzit. Dabei habe ich bereits gelernt, wie man Brot bäckt und Paprika richtig zubereitet oder bin mit den Kindern bei lauter Musik durch ihr Wohnzimmer getanzt. Erst letzte Woche hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit Fasil, einem Familienvater, dessen Haus sich etwas außerhalb des Viertels befindet. Wir haben sehr

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zu Besuch bei Fasil zu Hause

lange über seine Zeit im Gefängnis gesprochen. Er ist gerade erst von seiner einmonatigen Haft zurückgekommen, weil er einigen Zahlungen nicht hinterher gekommen war. Für mich sind die Familienbesuche immer wieder kleine Straßenexerzitien, das heißt ich weiß vorher nie,  in welche Familie ich gehe und schaue, wo es mich hinführt und wo ich Gott in den unterschiedlichsten Momenten, Begegnungen und Menschen entdecken kann.
Auch in der Nachmittagsbetreuung hat sich viel bewegt. Seit Anfang Februar bewältigen wir unseren Erzieherauftrag zu dritt. Die Gruppe wurde geteilt und Edita, eine Lehramtsstudentin und ich übernehmen gemeinsam die Hausaufgabenbetreuung der 3. Und 4. Klasse. Das ist nicht immer sehr leicht, weil einige der Kinder lieber träumen, als die doofen Mathehausaufgaben zu lösen und auch die Rechtschreibung nicht so interessant zu sein scheint. Wenn sie es doch geschafft haben, gehe ich gemeinsam mit den Schülern in unsere Spielräume. Die Nachmittagsbetreuung ist für mich ein optimales Übungsfeld, vor allem in kollegialer Zusammenarbeit. Letzte Woche hatten wir unsere erste offizielle, gemeinsame Teamsitzung, in der ich viele Fragen, Ideen aber auch Probleme einbringen durfte, die wir ausführlich diskutiert haben.

Angeregt von anderen Freiwilligen haben wir auch neues von unseren Freizeitaktivitäten zu berichten. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Hobby entdeckten wir bei einem Spaziergang einen Basketballverein, bei dem wir nun 2-mal die Woche sportlich aussehen dürfen und sogar nebenbei ab und zu auch mal den Korb treffen.

Zudem war auch ich, Patricia, an dem von Eva beschriebenem Wochenende in Mitrovica, nicht aber beim Workshop, sondern um mit Katja und Cäcilia, 2 Voluntärinnen der Diakonie und mit Katjas Deutschkurs mitten in den Bergen über dem Feuer Flia zu backen. Flia ist eine albanische Spezialität und braucht über 3 Stunden zum Zubereiten. Wir verbrachten einen entspannten Nachmittag bei super leckerem Essen und sehr interessanten Gesprächen mit den Jugendlichen über Beziehungen und Glauben.
Da ich am Sonntag immer noch alleine zu Hause war, nutzte ich die Zeit zum Wandern. 20170402_141110Für mich war das eine ganz besondere Erfahrung, da ich zum ersten Mal in meinem Leben stundenlang ganz alleine in der Natur unterwegs war -ohne Karte, ohne Kompass und ohne jeglichen Plan. Zwischendurch liefen mir 2 Schildkröten über den Weg und zum Schluss traf ich mitten im Wald auf eine aufgeschlossene Rentnergruppe, mit denen ich einen Tee an ihrem Feuer trank und sie vergebens versuchten, mir die Aussprache der albanischen Buchstaben beizubringen.

Das ganze Gegenteil von Stille und Einsamkeit erlebten wir vergangenes Wochenende, denn für Loyola fand am 08. April ein Fest anlässlich des 12-jährigen Jubiläums statt. Neben viel Musik, Klassenraumausstellungen, Experimenten und Theater, gab es auch ein großes Fußballturnier, wo schließlich die deutschen Soldaten gewannen. Auch das Projekt Loyola-Tranzit hatte die Möglichkeit, sich zu präsentieren.  Nicht nur die Schüler stellten ihr soziales Engagement vor, sondern auch der Kinderchor durfte auf der großen Bühne singen. Auch wenn die Ashkali noch von vielen schief angeguckt wurden, wurden sie von anderen lieb aufgenommen und verbrachten einen aufregenden Tag im Loyola.

So, dass waren dann auch schon wieder die News aus dem Kosovo, vielen Dank fürs Lesen und bis bald! 🙂

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